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Krankheit lässt den Wert der Gesundheit erkennen. - Heraklit


Dickicht des Schweigens – wie unterdrückte Emotionen krank machen können

Längst weiss man, dass psychische Stressfaktoren die Entstehung eines Herzinfarkts begünstigen können. Von einem besonders dramatischen Fall berichtet unsere Kolumnistin.

Selten hinterlassen wissenschaftliche Erkenntnisse bei mir einen solchen Nachhall wie das folgende, auf den ersten Blick wenig spektakuläre Resultat einer kleinen Studie: Frauen, die ihre negativen Emotionen beständig unterdrücken, weisen demnach auffallend oft schwere atherosklerotische Ablagerungen in der Halsschlagader – ein Nährboden für Schlaganfälle – auf.

Diese Beobachtung, die erst auf einem Kongress vorgetragen wurde, rief bei mir die Erinnerung an ein tragisches Schicksal wach. Eine entfernte Bekannte, Mutter von drei Mädchen im Teenager-Alter, war eines Morgens nicht zum Frühstück erschienen. Da dies ungewöhnlich für die Fünfzigjährige war, wurde die Familie unruhig – zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Zu jenem Zeitpunkt lag die Vermisste bereits leblos in ihren Kissen. Ihr waren, das zeigte eine spätere Obduktion, ausgeprägte atherosklerotische Plaques in der Halsschlagader zum Verhängnis geworden.

Wie in solchen Situationen üblich, trieb die Ursachenforschung wilde Blüten. So gaben sich Freunde, Bekannte und Nachbarn überzeugt, dass die Kinder den Tod der Mutter mitverursacht hätten. Denn sie hätten dieser zu viel Arbeit aufgebürdet. Dass berufstätige Mütter Multitasking-Talente sein müssen, um im Alltag zu bestehen, steht zwar ausser Frage. Nur eine Minderheit von ihnen scheidet aber vorzeitig aus dem Leben. Sonst läge die Lebenserwartung des weiblichen Geschlechts nicht bei mehr als 80 Jahren.

Sehr viel belastender als ihre Doppelrolle als berufstätige Frau und Mutter dürfte etwas ganz anderes gewesen sein: Wie mir eine Freundin einige Zeit nach dem tragischen Ereignis erzählte, hat sich der Ehemann der Verstorbenen offenbar jahrelang an den heranwachsenden Töchtern vergangen. Das habe ihr eines der drei Mädchen anvertraut. Dass die Mutter von den Vorgängen in den Kinderzimmern nichts wusste oder ahnte, hielt sie für ausgeschlossen.
Denn laut der Tochter hat es viele Indizien für das schändliche Verhalten des Vaters gegeben. Sehr viel wahrscheinlicher ist es daher, dass die Mutter aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung der Wahrheit nicht ins Auge blicken wollte. Das Schweigen erschien ihr möglicherweise weniger qualvoll als die Alternative: die Töchter zu exponieren und den Mann blosszustellen – mit der Folge, dass er strafrechtlich belangt wird.

Vorfälle wie dieser sind alles andere als selten. Nur ein Bruchteil davon gelangt allerdings an die Öffentlichkeit. Fast undurchdringbar ist das Dickicht des Schweigens meist, wenn es sich beim Täter um den eigenen Vater handelt. Solche Übergriffe sind zugleich besonders perfide. Denn sie hinterlassen beim Opfer ein tiefes Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Umso wichtiger erscheint es, frühe Warnzeichen ernst zu nehmen.
Das gilt insbesondere auch für die grosse Zahl der potenziellen Täter. Laut Untersuchungen sollen bis zu fünf Prozent der Männer pädophile Neigungen haben, sich also zu Kindern im vorpubertären Alter sexuell hingezogen fühlen. Viele der Betroffenen leiden selber unter dieser sexuellen Präferenz – wie sehr, zeigt sich am grossen Zulauf eines Hilfsangebots in Deutschland: Im Jahr 2005 an der Berliner Charité begonnen, ist das ehemalige Pilotprojekt «Kein Täter werden» heute in fast allen Bundesländern etabliert.

Source: nzz