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Krankheit lässt den Wert der Gesundheit erkennen. - Heraklit


Wann ist der Blutdruck zu hoch?

Die Diagnose Bluthochdruck wird in Europa später gestellt als in den USA. Das sorgt für Diskussionen. Für Patientinnen und Patienten kommt es aber nicht nur darauf an, wann behandelt wird, sondern auch wie.

Er hat den Ruf eines leisen Killers: Oft über Jahre unbemerkt, schädigt ein zu hoher Blutdruck Herz, Gefäße, Hirn oder Nieren. Mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland haben einen hohen Blutdruck. Viele von ihnen wissen überhaupt nichts von ihrer Erkrankung. Zwar leiden manche Betroffene unter unspezifischen Symptomen wie Schwindel, Ohrensausen oder Nasenbluten. Doch bei den weitaus meisten schädigt der hohe Blutdruck Gefäße und Organe im Verborgenen. Der Körper gewöhnt sich an die neuen Druckverhältnisse und gleicht sie so lange aus, bis es nicht mehr geht. Dann ist der Schaden bereits angerichtet.

Um die Langzeitfolgen eines zu hohen Blutdrucks zu vermeiden, ist dieser in einen normalen Bereich zu bringen, zum Beispiel mit Medikamenten. In diesem Punkt sind die Herzexperten jedoch uneins: Wann ist der Blutdruck noch normal, wann tatsächlich zu hoch? Die Antwort darauf entscheidet, wie viele Menschen die Diagnose Bluthochdruck bekommen – und ob sie behandelt werden müssen.

Grundsätzlich besteht der gemessene Blutdruck aus einem oberen, dem systolischen Wert, und einem unteren, dem diastolischen Blutdruckwert. Der ideale Blutdruck von Erwachsenen liegt unter 120 zu 80 Millimeter Quecksilbersäule (120/80 mm Hg); niedriger als 90/60 mm Hg sollte er nicht sein. Ein mm Hg entspricht dem Druck, der von einer Quecksilbersäule von einem Millimeter Höhe ausgeübt wird. Die Maßeinheit stammt aus einer Zeit, in der der Blutdruck mit Hilfe eines quecksilberhaltigen Messgeräts bestimmt wurde.

In Europa noch normal, in den USA schon zu hoch

In Deutschland und Europa diagnostizieren Ärztinnen und Ärzte derzeit einen hohen Blutdruck, wenn der systolische Blutdruck bei 140 mm Hg oder höher liegt und der diastolische Blutdruck bei 90 mm Hg oder höher. Gleiches galt lange in den USA. Bis zwei US-amerikanische Fachgesellschaften, das American College of Cardiology und die American Heart Association, die Werte im Jahr 2017 auf 130/80 mm Hg änderten. Auf Grund der neuen Definition galt plötzlich jeder dritte Bewohner der Vereinigten Staaten als Bluthochdruckpatient – vorher war es nicht einmal jeder vierte.

Den Anstoß für die Korrektur der US-amerikanischen Leitlinien hatte die Sprint-Studie gegeben, die bereits 2015 veröffentlicht worden war. Demnach sterben Menschen, die ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, seltener früher, wenn man ihren systolischen Blutdruck auf 120 mm Hg senken kann. Die Daten aus der Studie sind allerdings umstritten, weil der Blutdruck für diese Untersuchungen anders gemessen wurde als im ärztlichen Alltag üblich.

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie sieht Werte von 130/80 mm Hg als »hochnormalen Blutdruck« und demnach nicht behandlungsdürftig an. Sie empfiehlt generell, den Blutdruck auf unter 140/90 mm Hg zu senken. Für 70-Jährige mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko gelten Zielwerte von unter 130/80 mm Hg. Um diese Ziele zu erreichen, arbeiten Ärztinnen und Ärzte mit zwei Faktoren: dem Lebensstil der Patienten und Medikamenten. Weil eine Änderung von Gewohnheiten oft mühsam ist, bevorzugen nicht wenige Patienten die Tabletteneinnahme. Zumal die Medikamente von Medizinern gerne verschrieben werden. Für nahezu alle blutdrucksenkenden Mittel ist der Patentschutz ausgelaufen, sie sind also günstig. Und wirksam.

Trotzdem gilt es für Mediziner genau hinzuschauen, wenn sie Medikamente gegen Bluthochdruck verschreiben. Diese sind nämlich vor allem dann sinnvoll, wenn der Blutdruck dauerhaft über 140/90 mm Hg liegt. »Hier haben Studien gezeigt, dass die Wirkstoffe sehr gut dabei helfen können, das Risiko für Schlaganfall, Herzmuskelschwäche, Nierenerkrankungen oder Herzinfarkt zu senken«, sagt Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am Deutschen Herzzentrum München und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.

Je näher der Blutdruck den Normwerten kommt, desto geringer sind die Effekte der Medikamente. Spannend werde das, sagt Schunkert, wenn der Blutdruck ohne Medikamente knapp unter einem Wert von 140 mm Hg liegt. Verschiedene Studien kämen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen, doch im Großen und Ganzen sehe es so aus, als bringe der Beginn einer medikamentösen Blutdrucksenkung in diesem Bereich nicht mehr viel. Besteht die Notwendigkeit einer Therapie, sollte der systolische Blutdruck idealerweise in den Bereich von 120 bis 130 mm Hg gesenkt werden. »Darunter erkauft man sich einen relativ kleinen Nutzen mit mitunter belastenden Nebenwirkungen«, sagt Schunkert. »Das ist bei vielen Patienten einfach nicht nötig.«

Was bringen niedrigere Grenzwerte?

Wenn niedrigere Grenzwerte dazu führen würden, dass sich die Menschen eher über ihren Blutdruck Gedanken machen, hätten sie ihren Zweck erfüllt, sagt der Kardiologe Franz-Josef Neumann. »Die Frage ist: Ab wann fängt man an zu korrigieren?« Neumann ist ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie II in Bad Krozingen. »Die Amerikaner haben damals beschlossen, dass sie damit früher anfangen als bisher. Damit wird die Schwelle der Beratung für die Patienten etwas niedriger gesetzt«, erklärt der Mediziner. Das bedeute aber nicht automatisch, dass der Patient Medikamente bekäme. »In erster Linie wird er beraten, welchen Einfluss ein gesunder Lebensstil auf den Bluthochdruck hat.«

In Deutschland ist es trotz aller Fortschritte der letzten Jahre um die Blutdruckeinstellung immer noch schlecht bestellt. Etwa ein Fünftel der Bluthochdruckpatienten wüssten nichts von ihrer Erkrankung, sagt Neumann. Und von denen, die behandelt werden, erreiche ein Drittel noch nicht einmal die traditionellen Zielwerte, da die Behandlung nicht konsequent genug sei. »Am Ende ist nur etwa die Hälfte der Bluthochdruckpatienten gut eingestellt.«

»Wir haben depressive Stimmungslagen bei etwa der Hälfte derjenigen Patienten festgestellt, die Medikamente gegen den Bluthochdruck genommen haben« - (Seryan Atasoy, Epidemiologin am Helmholtz Zentrum München)

Ob niedrigere Grenzwerte für Bluthochdruck tatsächlich Menschenleben retten, hat ein Team des Helmholtz Zentrums München und der Technischen Universität München untersucht. Dazu wertete man die Daten von rund 12 000 Patienten aus. In der Ende 2018 im Fachblatt »European Heart Journal« veröffentlichten Studie kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass niedrigere Grenzwerte nicht besser vor tödlichen Herzerkrankungen schützen. Besonders interessant: Sie stellten den oft reklamierten positiven Effekt auf die Motivation der Patienten in Frage.

Die Ergebnisse der Studie deuten sogar darauf hin, dass eine frühere Blutdrucktherapie mit Medikamenten negative Folgen haben kann. »Wir haben depressive Stimmungslagen bei etwa der Hälfte derjenigen Patienten festgestellt, die Medikamente gegen Bluthochdruck genommen haben«, sagt Seryan Atasoy, Epidemiologin am Helmholtz Zentrum München und Erstautorin der Studie. Zum Vergleich: Von den nicht behandelten Erkrankten leidet nur ein gutes Drittel unter depressiven Verstimmungen. »Wir glauben, dass dies eine Art Labeling-Effekt ist«, erklärt Atasoy. »Wenn man Menschen als krank deklariert, wirkt sich das auf ihre psychische Gesundheit aus. Sie sahen sich vielleicht bisher gar nicht als krank an und haben sich nicht so gefühlt.« Depressionen erhöhen wiederum das Risiko für potenziell tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Atasoy plädiert daher dafür, Grenzwerte allenfalls zur Orientierung zu nutzen. »Stattdessen sollten individuelle Faktoren darüber entscheiden, ob der Blutdruck medikamentös behandelt wird oder nicht: Welche Risiken bringt der Patient sonst noch mit? Raucht er? Gibt es andere Begleiterkrankungen?«, sagt die Ärztin.

Ärzte und Patienten sollten mehr Einsatz zeigen

In manchen Fällen können weder ein gesunder Lebensstil noch Medikamente den Bluthochdruck senken. Häufig stehen solche resistent hohen Werte in Zusammenhang mit der Niere. Zum einen können bestimmte Nierenerkrankungen wie eine Verengung der Nierenarterien, eine verkleinerte Niere oder Zystennieren zu Bluthochdruck führen. Durch die Schädigung des Organs werden mehr blutdrucksteigernde Hormone ausgeschüttet. Zum anderen schädigt hoher Blutdruck die Nieren: Ihre feinen Gefäße entzünden und verengen sich. Damit die Nieren weiterhin ausreichend durchblutet werden, muss der Körper den Blutdruck erhöhen.

Um diesen Kreislauf zu unterbrechen, wird bei besonders schwerem Bluthochdruck operiert: Über die Leistenarterie führen Medizinerinnen und Mediziner einen Schlauch ein, über den sie die Nervenfasern an den Nierenarterien veröden und damit ausschalten. Der Eingriff nennt sich renale Denervation. »Wir veröden dabei die Nervenfasern mit drei Tropfen 96-prozentigem Ethanol, also reinem Alkohol«, sagt Elias Noory, der das Katheterlabor für periphere Interventionen, Interventionelle Hypertensiologie und die Hochdruckambulanz am Universitätsklinikum Freiburg leitet. Drei feine Nadeln stechen in die Arterienwand und geben den Alkohol ab. Dadurch kommen an den Adern keine Nervenimpulse mehr an, die für eine Gefäßverengung sorgen. Das bringt Laut Noory im Durchschnitt eine Blutdrucksenkung um 18 mm Hg. Er empfiehlt den Eingriff für Patienten, deren Blutdruck trotz der Einnahme von mindestens zwei blutdrucksenkenden Medikamenten höher ist als 140/90 mm Hg.

»Blutdrucksenkung ist Teamarbeit. Wir Ärzte sollten es unseren Patienten nicht ganz so leicht machen« - (Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am Deutschen Herzzentrum München)

Zwar sind Menschen mit entsprechender Veranlagung oder Nierenerkrankungen auf Medikamente oder medizinische Eingriffe angewiesen, um ihren Blutdruck zu senken. Die Masse, betont Kardiologe Schunkert, sei das aber nicht. Die weitaus meisten Bluthochdruckpatienten könnten ihre Werte durchaus selbst beeinflussen. »Wenig Salz, viel Bewegung, sich insgesamt gesund ernähren und Übergewicht loswerden – das alles schadet ja generell niemandem und zeigt bei Bluthochdruckpatienten meist deutliche Effekte«, sagt Schunkert. Als grobe Richtschnur gelte: Pro verlorenem Kilo sinkt der Blutdruck um ein mm Hg.

Für eine radikale Veränderung fehlt vielen Betroffenen jedoch häufig die Motivation. Schunkert wünscht sich hier ein bisschen mehr Ehrgeiz in der Zusammenarbeit von Patient und Arzt: »Blutdrucksenkung ist Teamarbeit. Wir Ärzte sollten es unseren Patienten nicht ganz so leicht machen.« Statt Debatten darüber zu führen, ob man ab 130 oder 140 mm Hg Tabletten verschreiben soll, könne mehr Energie darauf verwendet werden, den Patienten die Möglichkeiten nahezubringen, die in einer Änderung des Lebensstils liegen. »Da steckt noch viel ungenutztes Potenzial.«

Source: Spektrum

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